Aufzeichnungen über meinen Grossvater
Wiardus Alberts Ohling
Mein Grossvater Wiardus Alberts Ohling, (s. Geschl.Buch S.277), wurde geb.am 01.02.1804 zu Campen, gest 22.06.1868 zu Ohlingslust bei Ohrstedt, verh. 1826 mit der Tochter Berendje des Berend Jargs Janssen, geb. zu Pilsum 17.01.1808, gest in Roedemis bei Husum 04.04.1875. Mein Grossvater wohnte zunächst als Pächter in Eilsum, bis er im Jahre 1840 einen Hof in Heringsand bei Wesselburen kaufte und hier 5 Jahre wohnte. Von hieraus kaufte er 1843 von der damaligen dänischen Regierung den Wilhelminenkoog, da derselbe aber noch bis 1845 verpachtet war, konnte er in dem Jahre hierher übersiedeln. Der Flächeninhalt ist nach Abzug von Wegen und des Entwässerungskanals des Ehstensielstromes 503 Dmt 5 Saat 10 Rth. Der Kaufpreis betrug 30400 rbt (Reichsbanktaler zu 2.26 Mark) nebst 15 rbt Canon / Dmt jährlich.
Mein Grossvater strebte danach, den Koog als Gemeinde für sich zu erhalten, dies wurde aber nicht genehmigt und der Koog der Gemeinde Tating einverleibt. Aus Ärger darüber baute er auf Tatinger Gebiet in der Krimm 9 Arbeiterhäuser. Hierdurch gab es wieder Reibereien mit der Gemeinde Tating, so dass ihm der Aufenthalt hier zuwieder wurde und er die Höfe verpachtete und er wieder nach Ostfriesland zog nach Wolthusen, wo er seinen Besitz übernahm bei Emden. Aber auch hier konnte er es nicht lange aushalten. Er sehnte sich wieder nach Schleswig-Holstein und nach einigen Jahren kaufte er ein grösseres Areal Geestland bei Ohrstedt und baute sich dort einen neuen Wohnsitz, dem er den Namen Ohlingslust gab. Hier ist er auch gestorben und hat in Friedrichsstadt seine letzte Ruhestätte gefunden.
Mein Grossvater war sehr unternehmend, unter anderem hatte er einen Plan ausgearbeitet, ganz Eiderstedt mit Süsswasser zu versorgen, indem das Wasser der Treene durch einen Kanal nach Ehstensiel geleitet werden sollte. Die Bedingungen waren sehr günstig, da die vielen Sielzüge und Zuggräben vorhanden waren, die nun, wenn die Gräben trocken waren, Süsswasser statt Salzwasser führen sollten, was für das Land sehr von Vorteil gewesen wäre. Allein, er fand kein Verständnis bei seinen hiesigen Landsleuten. Die Eiderstedter Bauern waren zu kurzsichtig, um ihren Vorteil einzusehen, namentlich im östlichen Teil nicht. Ein Beispiel hierzu: In den vierziger Jahren sollte die Bahn von Tönning über Husum nach Flensburg gebaut werden. Vorgesehen war der Weg über Oldenswort-Witzwort, aber beide Gemeinden lehnten den Plan ab und so wurde die heutige Route Harblek-Büttel gewaehlt und so liegen jetzt beide Orte einige km von ihren Haltestellen ab. Es kann sein, dass das Misslingen seines Planes meinen Grossvater mit bewogen hat, von hier fortzuziehen.
Mein Grossvater ist wohl der erste in Eiderstedt gewesen, der sein Ackerland dräniert hat, die Röhren hat er in eigener Ziegelei gebrannt. Die Ziegelei ist 1889 wie alle in Eiderstedt wegen Unrentablität abgebrochen, die letzten Steine sind beim Bau des Sandhofes im Jahre 1890 verwendet worden.
Grossvater bewohnte den Westerhof, von hieraus leitete er den ganzen Betrieb unter Beihilfe von Verwaltern auf den beiden anderen Höfen. Er war seinen Arbeitern gegenüber ein gestrenger aber gerechter Herr. Einmal beobachtete er durch das Fernglas, wie die Knechte, die am äussersten Ende des Kooges mit Feldarbeit beschäftigt sein sollten, die Pferde unbeaufsichtigt stehen liessen und über den Deich zum Baden gegangen waren. Über diese Pflichtvergessenheit erbost, bestieg er sein immer im Stall gesattelt stehendes Pferd, überraschte die Knechte und trieb dieselben mit der Reitpeitsche über den Deich wieder an die Arbeit. Er liebte es, wenn seine Leute schnell entschlossen waren; einst beauftragte er einen Dienstjungen, mit Fuhrwerk nach dem Süderhof zu fahren. Da nun zwei Wege dorthin führten fragte der Junge, welchen Weg er nehmen solle. Mein Grossvater hatte wohl anderes zu bedenken und sagte so ebenhin: "Ach was, fahre meinetwegen geradeaus". Der Junge besann sich nicht lange und fuhr direkt durch den Entwässerungskanal auf sein Ziel zu, worauf mein Grossvater mit seinen beliebten Kraftwort ausrief: Tüfel und een, wat een Jung, wat een frecher Jung", und freute sich über die schnelle Entschlossenheit des Jungen.
Ein Bruder von ihm, Klaas Wiards Dirksen Ohling, siedelte gleichzeitig mit meinem Grossvater im Kretjenkoog bei Warwerort bei Büsum, ist aber dort bereits am 13.11.1845 ohne männliche Nachkommen gestorben.
Meine Grossmutter hatte zwei Schwestern, Rendeltje Janssen verh. mit Hans Jakob Kriegesmann in Kronprinzenkoog und Johanna verh. mit Marten Siebelt Tjarks, Friedrichskoog. Eine Tochter von Kriegesmann, Margarethe (Tante Meta) heiratete meinen Onkel Bernhard, derselbe heiratete also seine Cousine.
Mein Grossvater ist öfter in Begleitung von Kriegesmann nach Ostfriesland gefahren und übernachtete einst in der Lüneburger Heide bei einer unsauberen Wirtin. Nun wurde beschlossen, zum Abendessen Eier zu bestellen; nach ihrer Ansicht konnte damit nichts passieren. Sie sahen aber, wie die Frau Rührei in einer ledernen Schürze machte, was sie natürlich anekelte. Darauf verlangten sie gekochte Eier und dachten, jetzt sicher zu gehen, aber da beobachteten sie, wie die Frau die Eier abpellte und jedesmal, wenn sich ein Schmutzfleck zeigte, diesen ableckte. Darauf verlangten sie die Eier in der Schale, da konnte nichts passieren und so kamen sie dann endlich zu einer appetitlichen Mahlzeit.
Es sind auch einmal einige Verwandte aus der Sippe Ohling auf Ohlingslust zu Besuch gewesen; mein Onkel Hermann soll nämlich so halbwegs mit einer Bauke Ohling verlobt gewesen sein. Wegen Erkrankung an Masern wurde sie aber einige Wochen in Hamburg festgehalten. Auf einer Fahrt durch die Stadt wurden sie, wohl wegen des altertümlichen Wagens, von einer Horde Strassenjungs verfolgt. Die Bauke drohte mit dem Regenschirm, um die Rotte zu vertreiben, was natürlich einiges Aufsehen erregte. Ohne jetzt weiter aufgehalten zu werden, langten sie in Ohlingslust an. Aus der Verlobung wurde aber nichts, der Bauke war es hier in Schleswig-Holstein zu einsam und so reisten sie unverrichteter Sache wieder nach Hause, wo die Bauke einige Jahre später einen Ohling aus Wolthusen geheiratet hat.
Das Familienverhältnis zwischen Ohling und Kriegesmann war ein sehr herzliches, nur konnten sie es nicht unterlassen, sich gelegentlich zu foppen. Hierzu einige Beispiele: Auf einer Tour musste sich Kriegesmann als Schlafgelegenheit mit einem Esel (eine aus Segeltuch gefertigte Hängematte) begnügen. In der Nacht versuchte nun mein Grossvater, die Stricke durchzuschneiden, aber Kriegesmann war wach und auf der Hut, er griff schnell zu und fasste Grossvaters Handgelenk, so dass aus der Sache nichts wurde. Einmal wurde von Kriegesmann mit einigen Freunden eine Wagenfahrt nach Brunsbüttel und zwar in einer Kutsche mit Verdeck, wie sie hier üblich waren, unternommen. Zu damaliger Zeit wurden meistens hohe Hüte (Spint) getragen. Vor der Einfahrt in Brunsbüttel wurde das Strassenwasser quer über die Strasse geleitet und zwar durch eine offene Rinne. Kriegesmann trieb, als sie die Rinne passieren sollten, die Pferde zu rascher Gangart an, so dass durch einen Ruck der Wagen hochsprang und den Insassen der Hut bis über die Ohren gedrückt wurde. Auf das Geschimpfe der Fahrgäste schaut sich Kriegesmann um und tut ganz verwundert und sagt: "Oh, das tut mir leid, ich musste doch etwas schneller in Brunsbüttel hereinfahren". Einmal fuhren die beiden Schwager mit zwei Bekannten auf einem gewöhnlichen Stuhlwagen, auf dem die Sitze in Riemen hingen, vorne war ein Riemen angebracht, der dem Stuhl das Gleichgewicht gab. Als sie nun so hinfuhren, kam ein Hund und bellte sie an. Einer der hinten sitzenden nahm die Peitsche um den Hund zu vertreiben. Mein Grossvater nahm die Gelegenheit wahr, als die beiden Insassen sich zurücklehnten und schnitt den Halteriemen durch, infolgedessen die beiden mit dem Sitz hintenüberfielen.
Noch ein paar Begebenheiten aus dem Leben meines Grossvaters: Beim Schlachten eines Rindes gab beim Aufwinden desselben ein Strick nach. Sofort griff mein Grossvater zu und hielt den Windenbaum hoch, gleichzeitig griff der Schlachter zu und unterstützte dessen Handgelenk. Nachdem ein neuer Strick angebracht war, rieb sich mein Grossvater das schmerzende Handgelenk und sagte: "Tüvel und een, wat hett de Kerl mi knepen".
In jedem Herbst begaben sich die Pächter nach Ohlingslust, um die Pacht zu zahlen. Dies geschah in Spezientaler zu 6,40 Mark. Der Weg von Ohrstedt führte über einen kleinen Bach. Nun geschah es einmal, dass von einem Beutel sich ein Band löste, als sie gerade über den Steg gingen, so dass der Inhalt ins Wasser fiel. Die Sache ging aber noch glimpflich ab, mit herbeigeholten Harken fischten sie die Geldstücke bis auf einen Spez. wieder heraus.
Eines Tages bei schönem Sommerwetter überraschte Kriegesmann seine Kinder auf dem Westerhof. In der Nacht kam er an und um die Bewohner in ihrer Nachtruhe nicht zu stören, spannte er selbst die Pferde aus, nahm die Wagenkissen und Decke und legte sich unter der Wand zum Schlafen nieder. Die Kinder waren am anderen Morgen sehr überrascht, ihn dort schlafend vorzufinden.
Zu erwähnen ist noch, dass der dänische Koenig auf seiner Reise durch Schleswig-Holstein nach 1850, genau weiss ich es nicht, auch Eiderstedt besucht hat, wo er unter anderem auf Hochdorf eingekehrt ist. Auch hat er bei meinem Grossvater vorgesprochen und ihm dabei einen silbernen Pokal geschenkt. Derselbe ist später von den Erben gegen silberne Löffel umgetauscht, da er für sie doch keinen Wert hatte.
Aus der Jugend meines Grossvaters noch folgendes: Als er noch klein war, nahm ihn seine Mutter einmal mit zum Gottesdienst. Da er ein unruhiger, aufgeweckter Junge war, nahm sie für alle Fälle als Beruhigungsmittel eine Tüte Bonbons mit, was, wie wir sehen werden, sehr angebracht war. Als nämlich sein Vater die Kanzel betrat und zu predigen anfing, fragte er seine Mutter: "Was will der Vater dort oben?" Auf die Antwort, er will predigen, sagte er: "Dann will ich auch preken" wie er sich ausdrückte. Da nahm die Mutter schnell die Tüte heraus und so wurde der Junge abgelenkt, so dass die Sache noch glimpflich ablief. Er war, wie gesagt, ein aufgeweckter Junge, alle Nachbarn hatten ihn lieb. Manches Mal war er den ganzen Tag bei ihnen, mitunter behielten sie ihn auch zu Nacht, sagten dann natürlich Bescheid bei den Eltern. Als er grösser wurde, musste seine Mutter öfter seine zerrissenen Kleider flicken. Um sich viel Ärger zu sparen, verstärkte sie bei beiden Brüdern die gefährdeten Stellen am Hosenboden mit Leder, in der Zuversicht, recht viel Arbeit zu sparen. Sie sollte aber enttäuscht werden, die Brüder hatten den unseligen Einfall, sich nacheinander auf den Schleifstein zu setzen, während der andere drehte, zum grossen Nachteil für die Hosen. So hatte die Mutter wieder viel Ärger.
Zum Schluss noch eine Eigenheit meines Grossvaters, er litt keine Gardinen und Vorhänge vor den Fenstern, diese sind dazu da, möglichst viel Licht in die Zimmer zu lassen, warum soll man sie durch Vorhänge wieder verdunkeln?
Owe Becker Ohling, 1866-1949