OHLING, Gerhard Dietrich

geb. 25.5.1884 Suurhusen
gest. 7.2.1963 Aurich
Philologe, Historiker, Genealoge; Dr. phil; ref. (Deutsche
Glaubensbewegung).

Ohling stammte aus einem alten ostfriesischen Bauerngeschlecht. In dem
Selbstverständnis dieser Herkunft wurzelte wohl auch seine lebenslange
Orientierung auf die Heimat Ostfriesland in seinem beruflichen und
außerberuflichen Wirken. Nach dem Abitur am Emder Wilhelmsgymnasium
studierte Ohling zwischen 1903 und 1907 an den Universitäten
Tübingen, Leipzig und Göttingen Latein, Griechisch und
Germanistik, beschäftigte sich aber daneben auch mit Volkskunde,
Religions- und Kirchengeschichte und entdeckte hier schon früh sein
historisches Interesse, dessen Verfolgung durch seine Sprachkenntnisse
wesentlich befördert wurde. Der Promotion in Göttingen mit einer
lateinischen Dissertation über den griechischen Autor Strabo 1908
folgten Staatsexamen sowie Turn- und Sportlehrerprüfung, so daß
Ohling 1911 nach dem Militärdienst in den Schuldienst eintreten
konnte. Bereits 1924 aber wurde Ohlings Lehrerkarriere im Beamtenabbau
beendet; ein subjektiv sicher schwerwiegender und schwer zu akzeptierender
beruflicher Einschnitt, der, im nachhinein betrachtet, aber erst den
Auftakt zu einem ungemein produktiven Leben als Privatgelehrter
darstellte.

In den folgenden vier Jahrzehnten entwickelte sich Ohling zu einem der
besten Kenner der ostfriesischen Sprachkunde, Landes-, Familien- und
Kulturgeschichte. Mehr als zweihundert Veröffentlichungen, teilweise
als eigenständige Monographien oder in Sammelbänden, meist aber
in den Heimatbeilagen der ostfriesischen Zeitungen, legen Zeugnis ab von
den wissenschaftlichen Fähigkeiten Ohlings, die noch 1955 mit seiner
Berufung in die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen
auch über Ostfriesland hinaus Anerkennung fanden. Im Auftrag der
Historischen Kommission bearbeitete Ohling ein Historisches Ortslexikon
für Ostfriesland, das unvollendet blieb. Ohlings
Veröffentlichungen belegen seine Begabung, wissenschaftlich exakte
Quellenforschung mit einer allgemeinverständlichen Darstellung zu
verbinden. Für die ostfriesische Heimatbewegung war er damit ein
überaus wertvoller Verfechter einer Regionalidentität.
Wissenschaftliche Arbeit und Heimatliebe gingen in Ohlings
Selbstverständnis immer Hand in Hand. Davon zeugten auch sein
Engagement in der Archivpflege im Landkreis Aurich und in Leer, seine
Mitgliedschaft bei der Emder "Kunst" und im Beirat des von der Gauleitung
noch im Krieg gegründeten "Heimatbunds Nordsee" sowie seine Arbeit
für die Ostfriesische Landschaft. Hier waren es vor allem zwei
Arbeitsgebiete, die von seiner Mitarbeit und seinen Fähigkeiten
profitierten: In den 1930er Jahren engagierte sich Ohling als
Geschäftsführer bei dem Versuch, aus den vorhandenen
Beständen mehrerer Büchersammlungen eine "Ostfriesische
Landesvolksbücherei" zu schaffen; das Scheitern dieses Vorhabens lag
weniger an ihm, der immerhin die Katalogisierung der Landschaftsbibliothek
unternahm, als an organisatorischen Schwierigkeiten und der Kollision mit
der staatlichen Büchereipolitik.

Ebenfalls seit den 1930er Jahren arbeitete Ohling an entscheidender Stelle
an der Organisierung und Förderung der ostfriesischen Genealogie mit.
Die in Emden gegründete und dann von der Landschaft übernommene
"Sippenstelle" blühte u.a. durch Ohlings Mitarbeit und zeitweilige
Leitung zu einer als vorbildlich angesehenen Institution im Nordwesten auf.
Daß in ihrem Wirken dabei wie bei so vielen Einrichtungen der
Heimatbewegung Tradition und partielle Nazifizierung Hand in Hand gingen,
dürfte auch Ohlings politischem Selbstverständnis nicht
widersprochen haben, so wenig wir ansonsten darüber wissen. Immerhin
trat er nur selten mit politischen oder politisch zu interpretierenden
Äußerungen an die Öffentlichkeit. Eine Ausnahme stellte
sein bewußt vor einer breiteren Öffentlichkeit legitimierter
Konfessionswechsel 1935 dar. Ohling, der als reformierter Christ 1933 sogar
in die reformierte Gemeindevertretung Aurichs gewählt worden war, trat
zwei Jahre später zu der "Deutschen Glaubensbewegung" über und
legte die Gründe, die ihn dazu bewogen, in einer kleinen, im
Selbstverlag gedruckten Schrift dar. Hierin plädierte er
unmißverständlich für eine "deutsche" Religiosität,
bezeichnete das Christentum als "Fremdkörper", sprach von "Rasse" und
vom "germanische(n) Wille(n) zur Selbstbehauptung" und von einer
Offenbarung im Volk und dessen Geschichte. Dies war ganz auf der Linie
nationalsozialistischer Ideologie, von deren Ungeist seine
wissenschaftlichen Arbeiten jener Jahre fast durchweg wohltuend frei waren.
Was ihn zu diesem für ihn eher ungewöhnlichen Bekenntnis bewogen
hat, ist bislang unbekannt geblieben; an seinen wissenschaftlichen
Leistungen ändert dies aber kaum etwas.

Werke

(Verzeichnis s. gedruckte Ausgabe)

Nachlaß: StAA.

Literatur: Marie U l f e r s, Dr. G. D. Ohling zum 70. Geburtstag
(25.5.1954), in: Ostfriesland. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und
Verkehr, 1954, H. 2, S. 36-37 (Portr.); Günther M ö h l m a n n,
Dr. Gerhard Ohling ý. Ein Forscherleben für Ostfriesland, in: ebd.,
1963, H. 1, S. 29-30; H. K., Gerhard Ohling ý, in: Archiv für
Sippenforschung 29/30, 1963/64, S. 14 und 420 (Portr.); Joseph K ö n i
g, Nachruf für Dr. Gerhard Dietrich Ohling, in: Jahrbuch der Ges.
für bildende Kunst und vaterländ. Altertümer zu Emden 44,
1964, S. 176-177 (Auswahlbibliographie); Reinhard U t h o f f, Die
Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Aurich in der Zeit der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933-1945, in: Aurich im
Nationalsozialismus. Im Auftrage der Stadt Aurich herausgegeben von Herbert
Reyer, Aurich 1989, S. 339-358; Barbara L i s o n - Z i e s s o w / Martin
T i e l k e, Die Geschichte der Landschaftsbibliothek, Aurich 1995; Dietmar
von R e e k e n, Heimatbewegung, Kulturpolitik und Nationalsozialismus. Die
Geschichte der "Ostfriesischen Landschaft" 1918-1949 (Abhandlungen und
Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, 75), Aurich 1995 (Portr.).

Porträt: Photographie in der Landschaftsbibliothek, Aurich.

                                                   Verf.: Dietmar von Reeken 
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